Art Brut - Naive Art, Naive Kunst   [ Zurück / Back ]

Minna Ennulat /Deutschland Balschdorf/Ostpreussen 1901 - 1985 Hadamar

Die Bilder Minna Enulats gehören zu den zweifelsfrei authentischen Zeugnissen naiver Kunst des 20. Jahrhunderts und neben Josef Wittlich und Erich Bödeker zu einem der singulären Beiträge in Deutschland. Es hatte Vorläufer naiver Malerei gegeben - in Deutschland z.B. Carl Christian Thegen, der bereits in den 1930er bis 50er Jahren malte - aber keine Vorbilder.

Die eigentliche Entdeckung Minna Ennulats für die große Öffentlichkeit fällt in das Jahr 1972 - die Zeitschrift „stern“ hatte einen Wettbewerb zum Thema “Schiffe und Häfen“ ausgeschrieben. Unter einigen Tausend Einsendungen wurde das „Hamburg“-Bild der Minna Ennulat herausgefiltert und erhielt den zweiten Preis.

Minna Ennulat - 1901 in Ostpreussen geboren- gehört einer Generation an, die auf ein wechselvolles Leben zurückblickt: zwei große Kriege, zweimal eine schreckensreiche Flucht, zweimal verlor sie alles, woran Menschen im allgemeinen die Qualität ihres Lebens messen - einmal unabänderlich die Heimat.

Mit ihrer Familie war Minna Ennulat 1945 mit dem Treck über das gefrorene Haff von Ostpreussen nach Schleswig-Holstein geflüchtet. In Hessen richtete sich die Familie neu ein und fand dort ihre zweite Heimat.

Minna Ennulat blieb indes ihrer ostpreusschen Heimat zutiefst verbunden. Ihre Bilder sind vor allem Erinnerungsbilder - frei von Sentimentalität - aber Ausdruck einer klaren und starken bildnerischen Erinnerungsfähigkeit. In Ostpreussen hatte Minna Ennulat mit ihrem Mann einen Gutshof verwaltet. Ihre Bilder haben ausnahmslos einen realen Bezug zu ihrer Herkunft oder später zu ihrer neuen Umgebung. In ihren Ostpreussen-Bildern malt sie Häuser, die einzelnen Orten und Familien zuzuordnen sind, z.B. das Gutshaus derer von Braun in Neuken, das Schloß Finckenstein, das Gestützt Trakehnen, die Kirche in Rogalen, die Ausflugsschiffe auf der Pregel, das Geburtshaus ihres Mannes, das Gutshaus, auf dem sie und ihr Mann als Wirtschafterin und Verwalter tätig gewesen waren.

Bei aller Poesie, die über diesen Bildern liegt, fällt die unbestechliche Stringenz in Bildaufbau und Formensprache auf. Die dargestellten Gegenstände sind auf ihre Grundformen zurückgeführt, mit denen Minna Ennulat sich eine Typologie für ihre Bilder schafft: der Mensch, das Pferd, der Elch, der Hund, der Fisch, das Boot, das Haus, die Kirche. Auch die Naturdarstellungen - Bäume, Blumen und -Rabatten - sind nicht der Versuch naturalistischer Wiedergabe, sondern das Abstraktionsvermögen ermöglicht der Malerin, z.B. die blühende Blumenbeete aus reinen Farbtupfern aufzubauen, die nur durch den Bildzusammenhang an dieser Stelle als Blumenbeete gesehen werden können. Dabei werden die Farben ungebrochen aufeinander und nebeneinander gesetzt: reines Rot, reines Gelb, reines Blau. Aus den Farben strahlt das helle Sonnenlicht der Sommer in Ostpreussen, wie es sich im inneren Bild der Malerin festgesetzt hat. Deshalb darf die Sonne als Quelle des Lichtes und der Farben auch auf keinem Bild fehlen.

Im Jahr 2001 wäre Minna Ennulat 100 Jahre alt geworden. Wir haben die Malerin Anfang der 1970er Jahre oft besucht und ihr mehrere Einzelausstellungen gewidmet. So ist es uns auch ein Anliegen, die Erinnerung an diese bedeutende und unbestechliche naive Malerin, an diese lebenstüchtige Frau und ihre lebensbejahenden Bilder wachzuhalten.

Elke Zimmer

Einzel-Ausstellungen in der Galerie Zimmer: 1973, 1975, 1998 und zahlreiche Beteiligungen bis heute

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