Art Brut - Naive Art, Naive Kunst   [ Zurück / Back ]

Jean Faucq Belgien /Brüssel 1900 - 1978

Anfang der 1970er Jahre haben wir Jean Faucq, wie die meisten naiven Maler, die wir ausgestellt haben, oft besucht und die Bilder für unsere Ausstellungen bei ihm direkt erworben.

In unserem kleinen Katalog, der zur Ausstellung 1975 in unserer Galerie erschien, habe ich damals den Text geschrieben, der nach den Eindrücken solcher Besuche entstand. Wir übernehmen den Text hier noch einmal, wie er damals formuliert wurde, weil man heute anders darüber schreiben würde, die Unmittelbarkeit der Eindrücke dann aber verlorenginge.:

„Jean Faucq wurde am 17. Juni 1900 in Brüssel geboren. Beim Malen sieht man ihn selten. In seiner Wohnung erinnert nichts daran, daß hier ein Maler wohnt. Jean Faucq hat aber ein „Atelier“ - eine abenteuerliche Stube in einem alten Haus. Durch einen dunklen Hausflur tappen wir uns vorsichtig bis zu einer Stiege, die eher vermuten läßt, sie führe in dunkle Geheimgänge, denn in eine menschliche Behausung. Trotzdem folgen wir ihr. Auf jeder Etage rufen wir dann vorsorglich den Namen des Meisters - bis sich oben irgendwo eine Tür öffnet - ja, er ist es! Wir treten in das Zimmer und treffen fast jedesmal dieselben Menschen an, von denen uns noch nicht ganz klar geworden ist, ob sie dort wohnen oder zufällig gerade zu Besuch sind. Wenn sie dort wohnen, müßten sie auf einem ausgebeulten Canapé schlafen und von einem über und über mit Farben bedeckten Tisch essen.

Jean Faucq läßt sich offenbar nicht gern beim Malen zusehen. Auf Befragen spricht er aber ausführlich über seine Bilder. Er erklärt jede einzelne Person - warum sie gerade über die Straße läuft und daß sie auf der Fotovorlage nicht zu sehen war, daß sie aber seiner Meinung nach das Bild stark belebe. Es ist für uns nicht leicht, allen Ausführungen des Malers zu folgen: Jean Faucq ist Flame und spricht Französisch mit einem starken Akzent - ganz zu schweigen von typisch belgischen und eigenschöpferischen Wortbildungen. Als wir ihn und seine Frau einmal nach ihrem Leben befragten, flutete ein Gemisch von Flämisch/Französisch über uns hinweg, und wir verstanden eigentlich nur, daß Mme Faucq einen Verwandten hat, der Marionetten fürs Brüsseler Marionetten-Theater herstellt. Diese könne er auch für den Verkauf produzieren, wenn wir es wünschten. Wir aber interessierten uns mehr für die Bilder, was Mr. Faucq ganz selbstverständlich fand und Mühe hatte, Madame davon zu überzeugen - ihr imponierten offenbar die Marionetten mehr als die Bilder ihres Mannes.

Im Berufsleben war Jean Faucq früher Gastwirt. Als er die Wirtschaft etwa 1969 aufgab - das Haus war abbruchreif - setzte er sich beruflich zur Ruhe und widmete sich mehr der Malerei. Er malte zunächst Sujets seiner täglichen Umgebung: Brüssel - die Grand’ Place von allen Ansichten, den Flohmarkt, die vielen Plätze und Kirchen der Brüsseler Altstadt. Als die nähere Umgebung erschöpft war, eroberte sich Jean Faucq mit seinen Bildern andere belgische Städte: Gent, Brügge, Antwerpen. Aber auch dort war er bald zu Hause, und so machte er Postkartenreisen zunächst in das nachbarliche Holland, nach Paris, nach München. Dann wagte er sich immer weiter entfernt und reiste mit seinen Fotovorlagen gar nach Moskau. Alle diese Städte scheinen ihm vertraut. Ihre Architektur gibt ihm keine Rätsel auf. Er erkennt sie nach dem ersten Blick auf die Postkarte und verarbeitet sie zu Bildern. Meistens belebt er die Straßen und Plätze mit Autos, Straßenbahnen und Fußgängern.

Die ländlichen Gegenden scheinen ihn weniger zu interessieren. Nur gelegentlich malt er einen Bauernhof - wohl weil dies nicht seine Welt ist. Auf dem Lande ist er selbst ja auch nur zu Gast, sein zu Hause ist die Großstadt. So nehmen die Stadtansichten den größten Platz in seinem Schaffen ein - ähnlich wie bei Fejes und Vivin - wenn auch die Malweise in beiden Fällen eine ganz andere ist. Fast perfekt wirken die Bilder Jean Faucqs, die Architektur scheint genauestens wiedergegeben. Der Vergleich mit der Vorlage zeigt jedoch die starken Abweichungen. Die Farbigkeit kommt den vorwiegend alten Gebäuden entgegen - gedeckte Brauntöne verleihen den Bildern etwas Altmeisterliches. Dichter Farbauftrag und Firnis sorgen für eine glatte, geschlossene Oberfläche der Blder. Der Reiz der Malerei Jean Faucqs liegt in der liebevollen Ausführung, der warmen Farbigkeit und der Ausstrahlung, die echten naiven Bilder eigen ist.“

Heute wissen wir, daß Jean Faucq zu den wenigen authentischen naiven Malern gehört, die aus Belgien bekanntgeworden sind.

Elke Zimmer

Einzel-Ausstellungen in der Galerie Zimmer: 1971, 1975, 1980 und zahlreiche Beteiligungen bis heute

[ Zurück / Back ]

© Copyright 2001 - Galerie Zimmer, Düsseldorf.