Art Brut - Naive Art, Naive Kunst   [ Zurück / Back ]

Josef Wittlich /Deutschland Glattbach 1903 - 1982

Als man 1967 auf die ungewöhnlichen Bilder aufmerksam wurde, war Josef Wittlich als Arbeiter in einer Ziegelei tätig. Sein Privatleben ohne eigene Familie spielte sich in einer kleinen Kammer eines werkseigenen Schlafhauses ab. Ein alter Schrank, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl - das war die kärgliche Behausung.

Trotz seines einsetzenden Erfolges hat Josef Wittlich seine Lebensweise kaum geändert. Lediglich eine zweite kleine Dachkammer diente ihm später als Malstube. Seine Bilder entstanden auf Papierbogen, die größer waren als der kleine Maltisch, über den sie hinunterhingen. Der Maler hatte sehr schlechte Augen und beugte sich beim Malen dicht über das Papier, so daß er das Bild als Ganzes beim Malen nicht überblicken konnte. Daher erklären sich die Verschiebungen und Verschachtelungen in seinen Bildern.

Das Werk Josef Wittlichs gehört zu den einprägsamsten und bekanntesten der naiven Kunst - auch im internationalen Vergleich. Seine Bilder werden im Grenzbereich zwischen naiver Kunst und art brut gesehen, so daß er auch in viele dieser Sammlungen - Museen und Privatsammlungen - Eingang gefunden hat. Wie so oft, ist die Zuordnung aber nicht primär von Bedeutung, entscheidend ist die Kraft und Eigenständigkeit der Bildsprache dieses Malers.

Seit wann Josef Wittlich malte, ist nicht genau verbürgt. Nach seinen Angaben malte er bereits vor dem Krieg, also in den 1930er Jahren. Die Bilder der Vor- und Kriegszeit sind verlorengegangen. Ein Teil wurde verbrannt, einen Teil sollen die Besatzungstruppen konfisziert haben. Ein Unfall, eine Verletzung der rechten Hand, hinderte Josef Wittlich dann jahrelang am Malen. Erst 1957 begann er von neuem. 10 Jahre später wurden seine Bilder entdeckt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Josef Wittlich malte nach Fotovorlagen, Abbildungen in Versandhauskatalogen, Illustrationen und Kriegsdarstellungen in alten Büchern. Oft setzte er seine Bilder aus verschiedenen Vorlagen zusammen. Bei den Schlachten- und Soldatenbildern interessierten ihn in erster Linie die farbigen Uniformen und die bunten Flaggen. Auf historische Richtigkeit legte er kaum Wert. Die Frauendarstellungen haben einen bedeutenden Anteil im Gesamtwerk des Malers. Auch wenn er die Königinnen und Könige malte, dienten ihm die Abbildungen, die seinerzeit die Seiten der Regenbogenpresse füllten, als Vorlagen. Seltener sind Landschaften und Architekturen. Um jedes Bild legt Wittlich einen in Farbfelder aufgeteilten Rand, der die großen Flächen seiner Bilder auffängt und zusammenschließt. Josef Wittlich malt vorwiegend großformatige Bilder mit ungemischten Temperafarben auf Papier. Das übliche Format liegt bei ca. 90 x 60 cm. Außergewöhnliche Formate (bis zu 150 x 200 cm) ergaben sich durch den unregelmäßigen Abschnitt von einer großen Papierrolle.

Die starke Beachtung, die den Bildern Josef Wittlichs von vielen Kunstinteressierten geschenkt wird, ist nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen, daß ihre Entdeckung in eine Zeit fiel, als die Pop Art im Mittelpunkt des Interesses stand. Da Wittlich seine Bilder aber fern von jedem Kunstbetrieb gefunden hat, muß diese Verwandtschaft zur Pop Art als ein Phänomen gesehen werden, und es drängt sich die Frage nach der Aktualität und Zeitnähe der naiven Kunst auf. Es sei hierzu Dieter Honisch, im Katalog „Drei naive Künstler“ des Museum Folkwang, Essen, Jan./Febr. 1969 zitiert: „Die naive Kunst ist jedoch nicht zeitlos. Unterirdische Kanäle verbinden sie mit den ästhetischen Problemstellungen der eigenen Zeit... Wittlich steht mit seinen starkfarbigen Flächen und in der Verwendung von Fotovorlagen auf der Grenze zwischen Pop Art und Hard Edge. Diese, wenn auch völlig unbewußte zeitliche Nähe ist ein interessanter und bisher noch wenig beachteter Aspekt „naiven“ Schaffens. Sollte es sich doch nicht um „andere“ handeln, sondern um uns selbst?“

Elke Zimmer

Einzel-Ausstellungen in der Galerie Zimmer: 1974, 1983 und zahlreiche Beteiligungen bis heute

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